Die Glühbirne von Livermore

Norbert Hackl

Mai 2013

 

Zu Beginn einer Auseinandersetzung mit geplanter Obsoleszenz steht oft die Glühbirne, die in einem Feuerwehrhaus in Kalifornien brennt. So auch in der Arte-Dokumentation "Kaufen für die Müllhalde" 1

Bei Minute 4:55 des Vimeo-Videos heißt es: "109 Jahre alt - und sie brennt noch immer."

Bei Minute 6:32 sagt Steve Bunn "Warum er so lange hält, weiß ich nicht (Anm.: der Glühfaden). Das Geheimnis nahm er mit ins Grab."

Damit beginnt auch die große Unsachlichkeit, denn es ist schon 100 Jahre bekannt, dass die Lebensdauer einer Glühbirne von der Temperatur des Glühfadens abhängt, und eine Halbierung der Betriebsspannung die Lebensdauer einer Glühbirne zirka vertausendfacht. Das Vimeo-Video, in dem ich die Glühbirne leuchten sah, lässt einen glauben, 1901 sei eine Glühbirne noch so sehr nachhaltig gebaut worden, dass sie 100 Jahre später auch noch brennt – bei ununterbrochenem Betrieb. Der Film verschweigt aber, dass jede moderne Glühbirne viele hundert Jahre Betriebsdauer erreicht, wenn ich ihre Betriebsspannung annähernd halbiere. Dieser physikalische Sachverhalt war auch schon zur Zeit des Glühbirnenkartells bekannt.2

Wenn ich einer gegenwärtigen 60 Watt-Glühbirne die Betriebsspannung auf 30% reduziere (so in etwa ist es derzeit beim "Centennial Light" in Livermore), also bei einer 230V-Birne auf 70 Volt, so zeigt sie ihre hervorragende Qualität und sie brennt auch noch in 2000 Jahren. Nicht bloß 100 Jahre, wie es in dem Film als Spitzenleistung vergangener Tage vorgeführt wird. Es ist kein Kunststück, die Glühbirne von Livermore bei einer Fadentemperatur von zirka 600 Grad steinalt werden zu lassen.

Anhänger der geplanten Obsoleszenz bedienen sich der Glühbirne in Livermore und lassen dabei das Wissen, welches der Herstellung einer Glühbirne zugrunde liegt, außer Acht. Sie ignorieren den damaligen und den aktuellen Stand des Wissens und sie recherchieren schlecht.3

Durch welche Eigenschaften unterscheiden sich nun Glühbirnen mit niedrigerer Fadentemperatur von jenen mit höherer Fadentemperatur? Wenn ich einer Standard-Glühbirne die Spannung absenke, erniedrige ich dadurch die Faden­tem­peratur (und verlängere gleichzeitig die Lebensdauer). Das geht mit einer wärmeren Lichtfarbe und schlechterem Wirkungsgrad einher. (Anmerkung: Diesen Sachverhalt erwähnt auch Andreas Hirstein im seinem Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung vom 18. November 2012 http://archive.is/ySQf6.) Das war auch schon 1930 so. Warum erwähnt das im Film denn niemand?

 

Zu keinem Zeitpunkt waren Konsumenten dem Glühbirnen-Kartell hilflos ausgeliefert.

Zwei und zwei Glühbirnen in Serie


Sowohl die Arte-Dokumentation als auch der Artikel in den Salzburger Nachrichten erwähnen das Glühbirnenkartell der 1930er Jahre als Beispiel für geplante Obsoleszenz. Ich behaupte, die Konsumenten waren dem Glühbirnen-Kartell nicht hilflos ausgeliefert4. Nicht weil sie die Herstellung einer alternativen, länger brennenden Glühbirne hätten organisieren können, nein. Sondern weil sie die vorhandenen Glühbirnen anders verwenden hätten können. Wären in einem Beleuchtungskörper mit vier Fassungen je zwei Fassungen in Serie verdrahtet gewesen, so hätten vier 100W-Glühbirnen zusammen fast die Lichtstärke einer einzelnen 100W-Birne erreicht, bei tausendfacher Lebensdauer (Abbildung 1). Das Ganze um den Preis von vier statt einer Glühbirne und vier Fassungen statt einer Fassung. Jeder Beleuchtungskörper-Hersteller, jeder Elektriker hätte den Konsumenten trotz Glühbirnen-Kartell Angebote über Beleuchtungen machen können, bei denen der Tausch von Glühbirnen während der Lebenszeit eines Menschen nicht in Frage gekommen wäre. Solche Information verschweigt der Film und suggeriert stattdessen ein Ausgeliefert-sein an die Industrie und ihre Abmachungen.

 

 

Möglichkeiten ohne Ende

Ein neues TürscharnierAnstatt in das Klagen aufgebrachter Konsumenten mit ein­zustimmen – oder eigentlich in das Klagen in Medien­be­rich­ten – sehe ich es als mei­nen Weg, kreative Lösungen an­zu­bie­ten, die mir und meinen Kunden immer wieder aufs Neue vor Augen führen, wie we­nig Einfluss ein Hersteller auf die tatsächliche Ge­brauchs­dauer seiner Geräte hat. Das Türscharnrier in Abbildung 2 hat sich ein Kunde selbst ausgedacht und realisiert. Damit ermöglichte er sich mehrere zusätzliche Jahre Nutzungsdauer bei intensivem Gebrauch. 


 

 

3http://www.salzburg.com/nachrichten/oesterreich/wirtschaft/sn/artikel/geraete-mit-vorprogrammiertem-ablaufdatum-45162/ Die Salzburger Nachrichten nahmen sogleich eine stark gedimmte Glühbirne als Titelbild für einen Artikel über Geräte mit vorprogrammiertem Ablaufdatum. Vorbild für die Verknüpfung einer schwach glühenden Birne mit defekten Elektrogeräten dürfte die Arte-Dokumentation gewesen sein. Der vom 28.01.2013 stammende Artikel wurde meiner Beobachtung nach etwa im Jänner 2014 aus dem Online-Leseangebot genommen, lediglich ein einziger Kommentar, der sich auf den Artikel bezieht, ist noch sichtbar (Stand 07.03.2014).

4Ich beziehe mich auf die in http://www.lebensart.at/defekt-nach-plan wiedergegebene Tendenz zur einer Sichtweise: “Kaum ein Bild in Dannoritzers Dokumentation zeigt anschaulicher, wie sehr dadurch Menschen in aller Welt von der Lampenindustrie abgezockt wurden...“