Würde ich den Herstellern geplante Obsoleszenz vorwerfen, so würde ich ihnen damit die Planbarkeit meines Konsumverhaltens vorwerfen

Norbert Hackl

14.04.2013

Die Diskussion um die geplante Obsoleszenz einer Waschmaschine stufe ich als eine Betrachtung ein, bei der die Möglichkeit, zu einer Erkenntnis zu führen, stark eingeschränkt ist. Hier schreibe ich, warum.

Von geplanter Obsoleszenz zu sprechen, missachtet wichtige Voraussetzungen, die jeder Unternehmung zu Grunde liegen. Das soll folgende Situation zeigen: Zehn Jahre lang unternahm ihr Friseur alles Mögliche gegen ihren Haarausfall: Massagen, Öle, Tinkturen, Schampoos usw. Im elften Jahr können Sie es aber nicht weiter übersehen, ihr Haarausfall nimmt zu. Sie geben jetzt dem Friseur die Schuld, er habe Ihren Haarausfall über die Jahre geplant. Schräg - oder?

Die Waschmaschinenhersteller waren die ersten, die auf ihr eigenes (Anm.: unternehmerisches) Risiko aktiv wurden, damit der Mangel des Nicht-Waschen-Könnens in einem Haushalt schlicht mit Geld behebbar wurde. Die Hersteller waren damals der wichtigste Faktor – und sie sind es heute noch – , der es ihnen möglich macht, eine Waschmaschine zu erwerben. Geld und Handel alleine würden ihnen nicht viel helfen, wenn niemand zuvor die Waschmaschinen herstellt.

Jetzt – so lese ich in Publikationen zu geplanter Obsoleszenz – sind die Hersteller dafür verantwort­lich, dass Sie nach Jahren plötzlich nicht mehr waschen können. Zum einen stellen die Veröffent­li­chun­gen zu geplanter Obsoleszenz die Frage nach einem Verantwortlichen. Wer ist für das „vorzeitige“ Gebrechen einer Waschmaschine nach mehreren tausend Waschgängen verantwortlich? Zum anderen ist der Schuldige dann leicht gefunden: der Hersteller!

Als Methode hinter dieser Argumentation erkenne ich: die Quelle, die das Gerät hervorgebracht hat, wird für dessen späteres Versagen verantwortlich gemacht. Wird diese Methode angewendet, so behaupte ich, ist weitere Erkenntnis über tiefere Ursachen des Versagens kaum möglich.

Die Publikationen zu geplanter Obsoleszenz1 legen mir nahe, für jeden, wirklich jeden auftretenden Defekt bei Waschmaschinen seien die Hersteller verantwortlich, denn es wird nie unterschieden zwischen den Folgen empfohlener Behandlung und empfohlenen Einsatzes, und den Gebrechen die auftreten, nachdem ein Benutzer seine Waschmaschine so behandelte, wie er glaubte sie behandeln zu können (nämlich auch falsch).

Nach dem Lesen von Pressetexten zu diesem Thema bleibt für mich stets im Raum stehen, dass die Hersteller für die produzierten Waschmaschinen über die Garantiezeit hinaus, während der gesamten Nutzungsdauer verantwortlich zu sein haben. Auch wird ihnen vorgeworfen, sogenannte wirtschaftliche Totalschäden2 zu planen, gerade so, als ob die Hersteller global die Weggebühren und Stundensätze der Reparaturbetriebe steuern könnten. Die Verantwortung über die gesamte Nutzungsdauer hätten die Hersteller trotz der Grobheit mancher Benutzer im Umgang mit den Geräten, trotz falscher Behandlung und zu hoher Dosierung des Waschmittels, trotz des Zusatzes ungeeigneter Stoffe und trotz falscher Bestückung und der Abnützung durch vieljährigen, intensiven Gebrauch. Der Begriff "Geplante Obsoleszenz" will da nicht mehr unterscheiden.

Die Absichten, welche mit dem Begriff "Geplante Obsoleszenz" einher gehen, münden allesamt in eine Schuldzuweisung an die Hersteller. Wer sind "die Hersteller"? Die Marken-Eigentümer? Die Geschäftsführer? Die Gruppe aller Zulieferer? Mit dieser Vereinfachung kann ich nicht arbeiten. Einem Hersteller geplante Obsoleszenz vorzuwerfen, heißt, ihm die Planbarkeit meines Konsumverhaltens vorzuwerfen, anstatt mein Konsumverhalten zu ändern.3

Ein Beispiel: gehen Bedienelemente wie Drehknebel, Druckknöpfe oder Türöffner zu Bruch, so ist das auch die Folge stets neuen und oft wechselnden Designs (neben grobschlächtiger Handhabung). Die Konstruktion dieser Bedienelemente ist oft nicht so ausgereift wie das übrige Chassis einer Waschmaschine, denn es werden nur jene Maschinen, die für eine bestimmte Handelsmarke hergestellt werden, damit ausgestattet – und das nur für kurze Zeit. Dann wechselt erneut das Design. Mit dem robusten Chassis einer Waschmaschine, das in der Produktion oft über zehn Jahre kaum verändert wird, hat das nichts zu tun. Stets neues Design wird von Konsumenten aber besser angenommen, als unverändertes Aussehen über 10 Jahre. Dieses, auf meiner Erfahrung beruhende Wissen werde ich als Konsument in meine nächste Kauf-Entscheidung einfließen lassen. Zu dieser Einsicht würde ich aber nie gelangen, wenn ich mich darauf beschränke, den gebrochenen Drehknebel meiner Waschmaschine in die Höhe zu halten und "Der Hersteller ist schuld!" zu rufen. In meinem Beruf als Reparaturtechniker nährere ich mich dem Thema der erreichbaren Gebrauchsdauer von Waschmaschinen jedenfalls differenzierter, entschieden differenzierter als es der Begriff „geplante Obsoleszenz“ und die dahinter stehenden Akteure zulassen.4

Würde ein Waschmaschinenhersteller die Obsoleszenz seiner Geräte planen wollen, so würde ich ihm nahe legen, nach fünf Jahren die Lieferung von Ersatzteilen einzustellen. Kein Hersteller, der länger am Markt war, hat das bis jetzt getan.

Ich erkenne bei allen Waschmaschinenherstellern eine – alle anderen Effekte bei weitem übertreffende – Absicht, eine an mich und andere Benutzer angepasste, brauchbare Maschine zu produzieren. Sicher erkenne ich sie bei dem einen Hersteller mehr und bei einem anderen weniger. Die Akteure, welchen den Begriff „geplante Obsoleszenz“ propagieren, scheinen diese Absicht eines Herstellers aber aus den Augen verloren zu haben.


 

2Eine Formulierung, die Der Standard in einem Artikel vom 4. April 2013, Seite 8, verwendet, aber auch viele andere Medien, z.B. http://www.heise.de/tr/artikel/Die-Reparatur-Rebellen-1828121.html

3Planen Zigarettenhersteller die Obsoleszenzen von Lungen? Oder ist da noch jemand dazwischen, der raucht.

4Gut differenziert dargestellt: http://realistisch-betrachtet.at/?p=57
Der mir namentlich bekannte Autor schrieb in seinem Blog im Jahr 2013:
Das Konzept der geplanten Obsoleszenz erscheine oberflächlich plausibel, denn Hersteller verdienen am Verkauf ihrer Produkte, nicht an der Nutzung. ... das Motiv sei klar vorhanden und der Hersteller habe wohl auch Gelegenheit, die Lebensdauer seines Produkts zu steuern. Es gebe damit aber auch ein paar entscheidende Probleme:
- der Wettbewerb. Ein Hersteller kann versuchen, seine Produkte absichtlich kurzlebiger zu machen, als die Konsumenten das wünschen – nur wird das Ersatzgerät dann oft nicht mehr von derselben Marke sein.
- Werbung. Keine Werbung macht ein ärgerliches oder enttäuschendes Ergebnis aus erster Hand wett. Für einen Markenhersteller im Wettbewerb mit anderen wäre es also nicht von Vorteil, einseitig die Lebensdauer so sehr zu verkürzen, dass den Konsumenten das unangenehm auffällt.
-Kartell-Bildung. Das Ausmaß der Kartellbildung sei problematisch und unglaubwürdig groß. Bei jedem Produkt, dass unter Verdacht steht, vorzeitig zu versagen, müsse es ein Kartell der Hersteller geben.

Der Autor hinterfragt eine Studie (http://www.murks-nein-danke.de/blog/download/Studie-Obsoleszenz-BT-GRUENE-vorabversion.pdf), welche damals im Online-Standard ein User postete. Bei einer angenommenen Verkürzung der Lebensdauer von 10 auf 9 Jahre würden die Vorteile (für den Hersteller) erst im zehnten Jahr zu wirken beginnen, bei perfekter Markentreue im Ausmaß von 11%. Dieser Anteil sei wenig, und es sei nach zehn Jahren mit allen dazwischen erfolgten Umsatz-beeinflussenden Ereignissen nicht mehr möglich, den Anteil dieser weit zurückliegenden Ursache zuzuordnen.
Auch weist der Autor den in der Studie erwähnten Versuch zurück, die Lebensdauerverkürzung als "Prisoner's Dilemma" zu positionieren: es gebe am Markt immer die Möglichkeit und einen Anreiz, den Konsumenten ihre Wünsche zu erfüllen, und wenn dieser Wunsch eine längere Lebensdauer ist, kann man Produkte entsprechend vermarkten.
Zuletzt hält es der Autor für möglich, dass es von den Proponenten des Konzepts "geplante Obsoleszenz" Taktik sei, die Existenz als erwiesen anzusehen, da es bei näherer Betrachtung einfach unplausibel ist. Kritische Fragen, schrieb er, werden oft gar nicht nicht, ausweichend-ablenkend oder mit absurden Verschwörungstheorien beantwortet. Für ihn weist diese Auftragsstudie erhebliche Mängel auf und kann ihn daher nicht überzeugen.